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Gedichte

Das Burgfräulein von Windeck

Adelbert von Chamisso

Das Burgfräulein von Windeck.

Halt an den schnaubenden Rappen,
    Verblendeter Rittersmann!
Gen Windeck fleucht, dich verlockend,
    Der lustige Hirsch hinan.

Und vor den mächtigen Türmen,
    Vom äußern verfallenen Thor
Durchschweifte sein Auge die Trümmer,
    Worunter das Wild sich verlor.

Da war es so einsam und stille,
    Es brannte die Sonne so heiß,
Er trocknete tiefaufatmend
    Von seiner Stirne den Schweiß.

»Wer brächte des köstlichen Weines
    Mir nur ein Trinkhorn voll,
Den hier der verschüttete Keller
    Verborgen noch hegen soll?«

Kaum war das Wort beflügelt
    Von seinen Lippen entfloh'n,
So bog um die Epheu-Mauer
    Die sorgende Schaffnerin schon.

Die zarte, die herrliche Jungfrau,
    In blendend weißem Gewand,
Den Schlüsselbund im Gürtel,
    Das Trinkhorn hoch in der Hand.

Er schlürfte mit gierigem Munde
    Den würzig köstlichen Wein,
Er schlürfte verzehrende Flammen
    In seinen Busen hinein.

Des Auges klare Tiefe!
    Der Locken flüssiges Gold! –
Es falteten seine Hände
    Sich flehend um Minnesold.

Sie sah ihn an mitleidig
    Und ernst und wunderbar,
Und war so schnell verschwunden,
    Wie schnell sie erschienen war.

Er hat seit dieser Stunde,
    An Windecks Trümmer gebannt,
Nicht Ruh', nicht Rast gefunden,
    Und keine Hoffnung gekannt.

Er schlich im wachen Traume,
    Gespenstig, siech und bleich,
Zu sterben nicht vermögend,
    Und keinem Lebendigen gleich.

Sie sagen: sie sei ihm zum andern
    Erschienen nach langer Zeit,
Und hab' ihn geküßt auf die Lippen,
    Und so ihn vom Leben befreit.