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Gedichte

Die drei Sonnen

Adelbert von Chamisso

Die drei Sonnen.

Es wallte so silbernen Scheines
    Nicht immer mein lockiges Haar.
Es hat ja Zeiten gegeben,
    Wo selber ich jung auch war.

Und blick' ich dich an, o Mädchen,
    So rosig und heiter und jung,
Da taucht aus vergangenen Zeiten
    Herauf die Erinnerung.

Die Mutter von deiner Mutter –
    Noch sah' ich die Schönere nicht,
Ich staunte sie an, wie die Sonne,
    Geblendet von ihrem Licht.

Und einst durchbebte mit Wonne
    Der Druck mich von ihrer Hand,
Sie neigte darauf sich dem Andern,
    Da zog ich ins fremde Land.

Spät kehrt' ich zurück in die Heimat,
    Ein Müder nach irrem Lauf,
Es stieg am heimischen Himmel
    Die andere Sonne schon auf.

Ja, deine Mutter, o Mädchen, –
    Noch sah' ich die Schönere nicht,
Ich staunte sie an, wie die Sonne,
    Geblendet von ihrem Licht.

Sie reichte mir einst die Stirne
    Zum Kusse, da zittert' ich sehr,
Sie neigte darauf sich dem Andern,
    Da zog ich über das Meer.

Ich habe verträumt und vertrauert
    Mein Leben, ich bin ein Greis,
Heim kehr' ich, die dritte Sonne
    Erleuchtet den Himmelskreis.

Du bist es, o Wonnereiche;
    Noch sah' ich die Schönere nicht,
Ich schaue dich an, wie die Sonne,
    Geblendet von deinem Licht.

Du reichst mir zum Kusse die Lippen,
    Mitleidig mir wohl zu thun,
Und neigst dich dem Andern, ich gehe
    Bald unter die Erde, zu ruh'n.