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Gedichte

9. Thränen in schwerer Kranckheit

Andreas Gryphius
Thränen in schwerer Kranckheit
IX.

ICh bin nicht der ich war / die Kräffte sind verschwunden /

Die Glider sind verdörr't / als ein durchbrandter Grauß:

Mir schaut der schwartze Tod zu beyden Augen aus /

Ich werde von mir selbst nicht mehr in mir gefunden.

Der Athem wil nicht fort / die Zunge steht gebunden /

Wer siht nicht / wenn er siht die Adern sondern Mauß /

Die Armen sonder Fleisch / daß diß mein schwaches Hauß

Der Leib entbrechen wird / noch inner wenig Stunden.

Gleich wie die Wisen Blum lebt wenn das Licht der Welt

Hervor bricht / und noch ehr der Mittag weggeht / fällt;

So bin ich auch benetzt mit Thränen-tau ankommen:

So sterb ich vor der Zeit. O Erden gute Nacht!

Mein Stündlein laufft zum End / itzt hab ich außgewacht

Vnd werde von dem Schlaff des Todes eingenommen.