Einem Dichter, meinem Freunde
Eduard Bauernfeld
Einem Dichter, meinem Freunde.
Fried. Witthauers Wiener Zeitschrift v. J. 1843. Nr. 40.
An einen Dichter, meinen Freund
O du Beneidenswerter, in ländlich reizender Stille
Sein eigen Feld bebauend, du wahrer beatus ille!
Du bist ein Freund – im Leben und Poesie – von Rosen,
Und lassest sie als Kränze um dein' und unsre Stirne kosen.
Dein Vers ist, was er sollte bei allen Dichtern sein:
Ein duft'ger Blumenbüschel, Gewebe zart und fein,
Ein Klingen und ein Singen aus innerstem Herzenstrieb,
Drum waren deine Lieder von jeher uns so wert, so lieb.
Und gibst du nur dich selber, und was du hast und bist,
So wisse, daß uns eben die Gabe die liebste ist;
Poeten waren nicht immer von flüchtigem Gelichter,
Und ist der Mensch ein ganzer. so gibt's auch einen ganzen Dichter.
Wie sich das kleine Vöglein beim Regen duckt hinterm Zaune.
So sitzt die heutige Muse versteckt, voll übler Laune,
Und brütet über Dingen, die nicht poetisch sind,
Und hegt und pflegt ein totes, undichterisch-politisch Kind.
Die Dichter machen Verse, doch Lust- und Lebenlose,
Zwar glattre, aber kalte; die meisten schreiben in Prose;
Und was sie singen, es lebte nicht früher im Gemüte,
Drum ist nicht frische Blume ihr Lied, nur kranke Treibhausblüte.
Des Busen nicht von großen Gedanken mag entbrennen,
Der soll sich fürder wahrlich nicht einen Dichter nennen;
Auch war's von je, ich weiß es, der echten Dichter Art,
Zu schöpfen aus der neuen und jung-lebend'gen Gegenwart.
Doch wer die Zeit erfasse, der muß sich erst befreien
Von ihren Altersschlacken, vom Rufe der Parteien:
Die dichterische Wahrheit, die ewige, nimmer alte,
Sie liegt im Menschengeiste und nicht in einer Zeitungsspalte.
Wohl mancher mag in Prosa ein tüchtiger Kämpfer sein,
Doch klingt der Modeschlachtruf in Versen gar nicht fein;
Der Dichter ist kein Plänkler, der den einzeln Feind erschießt,
Ein Feldherr ist's, der im Busen des Feldzugs großen Plan verschließt.
Was wär' das für ein Feldherr. der so mit einem Male
Das große Geheimnis kund gäb' jedwedem Korporale?
Der Troß steht in den Reihen, der Dichter sitzt auf dem Throne;
Der Dichter ist kein Gemeiner, der Dichter ist Napoleon.
Ob der und jener falle, den Führer mag's nicht kümmern,
Noch will er, einem zu Liebe, den großen Plan zertrümmern;
An Menschen fehlt es niemals. die bauen oder streiten,
Doch Bauherr oder Feldherr – sein Geist muß über der Masse schreiten.
Und vollends nun ein Dichter! Was helfen dem die andern?
Er muß im Waldesdunkel und still und einsam wandern;
Das wollen selbst die Besten, die's gut und ehrlich meinen,
Die Besten nicht begreifen: Der Dichter will für euch nur scheinen.
Er schafft ein Werk, ein ganzes, voll holder Phantasien,
Erlebt, durchdacht, empfunden: euch soll's die Brust durchziehen,
Und euch an alles mahnen an alles und an nichts;
Nicht eine Lamp' anzünden: es sei ein Strahl des ewigen Lichts.
Nicht wackere Gesinnung, noch modernes Element
Genügt für einen Dichter; der Dichter braucht – Talent;
Nicht in Journalartikeln läßt sich Genie erlernen,
In Blumen bricht's aus der Erde und leuchtet droben bei den Sternen.
Heil dir, mein Freund, mein Dichter, daß dir der Himmel gegeben
Die reizend-süßeste Gabe: Den Dichterblick im Leben;
Und laß die Leute nur schelten, und laß sie schütteln die Ohren,
Und denke dir: »Wo nichts ist, da hat der Kaiser sein Recht verloren.«
Drum leb' in Waldesdunkel, still und zurückgezogen,
Im Arme der Geliebten, und schwinge den Dichterbogen;
Und schieße goldne Pfeile in unser Herz hinein,
Ein Labsal uns, die täglich nur lesen vom Gewerbverein.
Leb' wohl, Beneidenswerter, in ländlich-reizender Ruh',
Dein eigen Feld bebauend, ein wahrer Beatus du!
Und laß sie draußen nur kritteln, und laß sie draußen tosen:
Du schmücke dein Haupt und unsres mit frischen und poetischen Rosen.
Wien, am 20. Februar 1843.
Bauernfeld.