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Gedichte

Thorwaldsens Ganymed und der Adler

Friedrich Hebbel

Thorwaldsens Ganymed und der Adler.

Knabe, süßer, wunderbarer,
Unterm Kuß des Zeus gereift,
Blüte, die in leuchtend-klarer
Schönheit nie der Wind gestreift:

Sorgsam tränkst du und ästhetisch,
Wenn auch halb gelangeweilt,
Hier den Aar, der gravitätisch
Schmaust und wenig sich beeilt.

Mancher würde ungeduldig,
Und er hätte Grund genug,
Doch du denkst: Ich bin's ihm schuldig,
Weil er zum Olymp mich trug;

Weil er schnell, mich fester fassend,
In die Wolken mich entrückt,
Als ich, schwindelnd und erblassend,
Unter mich hinabgeblickt;

Ja, weil er sogar die Klauen
Unterm Fittich-Paar verhüllt,
Die mich fast mit größerm Grauen,
Als der Abgrund selbst, erfüllt.

Solltest doch ins Ohr ihm raunen:
Spute dich zu deinem Heil;
Denn schon wölkte Zeus die Braunen,
Und – da fällt der Donnerkeil!

Auf, mein Vogel, dienstbeflissen!
Wie du auch das Auge rollst!
Du, o Knabe, wirst schon wissen,
Wo du dich erholen sollst!