Über die Dichterregel des Horaz
Gottfried August Bürger
Über die Dichterregel des Horaz:
Non satis est pulchra esse poëmata; dulcia sunto,
Et quocunque volent, animum auditoris agunto.
»Schön sein, reichet nicht hin; auch würzig müsse das Lied sein
Und des Hörers Gemüth locken, wohin es nur will!«
Dieses Geheimniß der Kunst verrieth ein unsterblicher Meister.
Jedem gelang auch das Lied, der das Geheimniß ergriff.
Aber seit gestern verstehn die Krämer scholastischer Schönheit
Jene besiegende Kunst besser als Stümper Horaz.
Lecke, so will man, die Form nur schönlich; ihr wäßrichter Inhalt
Macht nicht wohl und nicht weh, schmecke nicht sauer noch süß! –
Deinem Genius Dank, daß er, o grübelnder Schiller,
Nicht das Regelgebäu, das du erbauet, bewohnt!
Traun! Wir hätten alsdann an dir, statt Fülle des Reichthums,
Die uns nährt und erquickt, einen gar luftigen Schatz.