An Charlotte von Stein 2
Johann Wolfgang Goethe
An Charlotte von Stein
Hier bildend nach der reinen stillen
Natur, ist ach, mein Herz der alten Schmerzen voll;
Leb ich doch stets um derentwillen,
Um derentwillen ich nicht leben soll.
Und ich geh meinen alten Gang
Meine liebe Wiese lang.
Tauche mich in die Sonne früh,
Bad ab im Monde des Tages Müh.
Leb in Liebes-Klarheit und -Kraft,
Tut mir wohl des Herren Nachbarschaft,
Der in Liebes-Dumpfheit und -Kraft hinlebt
Und sich durch seltnes Wesen webt.
Zwischen Felsen wuchsen hier
Diese Blumen, die wir treu dir reichen,
Verwelkliche Zeichen
Der ewigen Liebe zu dir.
Ach, so drückt mein Schicksal mich,
Daß ich nach dem Unmöglichen strebe.
Lieber Engel, für den ich nicht lebe,
Zwischen den Gebürgen leb ich für dich.